Paul Kolling
Nadir
27. Januar – 21. April 2024
In seiner Praxis beschäftigt sich Paul Kolling mit aktuellen Fragen zu Ökonomie, Ökologie und der Entwicklung komplexer Infrastrukturen der letzten zwei Jahrhunderte. Für seine Einzelausstellung Nadir hat Kolling eine neue Arbeit konzipiert, die sich mit der Geschichte der Luftbildaufnahmen und der Hansa Luftbild GmbH auseinandersetzt. Die Entwicklung der sogenannten Aerophotogrammetrie vor etwas über hundert Jahren führte zu einem Blickwechsel von der Horizontalen in die Vertikale und erforderte eine gänzlich neue Form des „Lesens“ von Bildern. Kolling zeichnet diese neue bzw. verschobene Perspektive auf die Umwelt und die daraus resultierende veränderte Raum- sowie Selbstwahrnehmung nach.
Durch die Nutzung von technischen Systemen und selbst geschriebenem Code schafft Kolling Installationen, Skulpturen und Videos, die sich zwischen dem analogen und dem digitalen Raum bewegen. Seine recherchebasierten Arbeiten verkomplizieren konventionelle Vorstellungen des Protokollierens und Klassifizierens von Raum und konfrontieren die Betrachter*innen mit dem Akt des Beobachtens als einem von Interessen geleiteten Vorgang. Als Ausgangspunkt für die Münchner Ausstellung dienen die Luftbild-Lesebücher, die ab den 1920ern von der Hansa Luftbild veröffentlicht wurden. Sie beinhalten Anleitungs- und Übungsbilder sowie topologische Analysen und geben einer zunächst rein militärisch begründeten Entwicklung einen sozio-ideologischen Rahmen. Seit dem Ersten Weltkrieg sind Luftbildaufnahmen ein Schlüsselmerkmal sowohl der militärischen Aufklärung als auch der zivilen Luftbildmessung. Durch die zweidimensionale und gerasterte Visualisierung eines Gebiets wurde das Wissen über die Erdoberfläche zunehmend zu einem systematischen Wissen über das darunter Verborgene – von archäologischen Artefakten und natürlichen Rohstoffen bis hin zu in Wäldern versteckten Truppen. Entsprechend spielte die Fotografie eine zentrale Rolle bei der technischen Konstitution des militärischen Blicks sowie der Zuordnung von Landes- und Eigentumsgrenzen.
In seiner neuen, zur Ausstellung gleichnamigen Arbeit verhandelt Kolling diese komplexen sozio-politischen wie ökonomischen Beziehungen. Die Filmprojektion zeigt die grobe Rekonstruktion eines Fluges der Hansa Luftbild auf Basis von Bildern aus den Lesebüchern. Die Arbeit wird mit einem modifizierten Projektor vorgeführt und ist in eine raumgreifende Intervention eingebettet, die die Proportionen der Ausstellungsräume verengt. In Nadir befasst sich Kolling mit der (Un-)Möglichkeit, die Welt zu dokumentieren: Bilder der eigentlichen Orte erfahren eine sie reduzierende Abstraktion, die notwendig ist, um die Komplexität der Welt auf einer zweidimensionalen Aufnahme abzubilden. Diese in der fotografischen Methode auftauchende Lücke steht im Zentrum der Ausstellung. Die Lesefähigkeit – im Englischen der deutlich prägnantere Begriff der „literacy“ – von solchen Aufnahmen prägt bis heute unser (Ab-)Bild der Welt.
[1–8; 10; 14–18] Installationsansicht: Paul Kolling, Nadir, Kunstverein München, München, 2024. Courtesy der Künstler und Kunstverein München e.V.; Fotos: ©Stephan Baumann, bild_raum.
[9] Detail: Reihenbildner von Oskar Messter, Maßstabsgetreuer Nachbau, 1967, Original von 1915; Leihgabe Deutsches Museum, München, in: Paul Kolling, Nadir, Kunstverein München, München, 2024; Foto: ©Stephan Baumann, bild_raum.
[11–13] Detail: Faksimilies in: Paul Kolling, Nadir, Kunstverein München, München, 2024. Courtesy der Künstler und Kunstverein München e.V.; Fotos: ©Stephan Baumann, bild_raum.
[19–20] Detail: Paul Kolling, Nadir, 2023/24, in: Paul Kolling, Nadir, Kunstverein München, München, 2024. Courtesy der Künstler und Kunstverein München e.V.; Fotos: ©Stephan Baumann, bild_raum.
[21] Filmstill: Paul Kolling, Nadir, 2023/24. Konstruiertes Bild, belichtet auf 115.88 Meter 35-mm-Film. Courtesy der Künstler.
Die Ausstellung wird unterstützt von Jan Fischer.