Linda Bilda

Jungfer, Matrose und Student
1989
Video, Farbe, Ton 
8:06 min

11. Juli – 14. September 2025

(Schaufenster am Hofgarten & online)


Linda Bildas Videoarbeit Jungfer, Matrose und Student basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Federico García Lorca aus dem Jahr 1928 und ist zugleich die Dokumentation ihres Diplomprojekts in Bühnen- und Filmgestaltung, das 1989 an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien entstanden ist. Linda Bilda konzipierte ein komplexes, multimediales Bühnenbild für Lorcas Stück, das von dem ambivalenten Schicksal einer Jungfer und ihrem Streben nach Selbstbestimmung handelt.[1]

Die Künstlerin vermittelte das Stück sowohl durch reale Schauspieler*innen als auch mittels projizierter Filmaufnahmen und Zeichentricksequenzen.[2] Das Bühnenbild ist als geschlossener Kreis angelegt mit vier einander gegenüberliegenden Öffnungen – drei Türen und einem erhöhten Fenster, das einen Balkon imitiert. Die zentrale Figur der Jungfer, „um die sich alles dreht“[3], erscheint als Filmprojektion hinter dem gucklochähnlichen Balkon, „unnahbar und doch keck, sich in der Sicherheit ihrer erhöhten Position wiegend“.[4] Während die übrigen Schauspieler*innen den darunterliegenden Bühnenraum mit den auf halbrunden Bänken sitzenden Zuschauer*innen teilen (letztere sind in der Videoarbeit jedoch nicht sichtbar). Die Symmetrie der vier Figuren (Jungfer, Alte, Matrose und Student) greift Linda Bilda in der räumlichen Struktur über die vier Öffnungen des Bühnenbildes auf und nutzt das Medium Film, um deren Blickbeziehungen auf der Projektionsfläche zu vereinen[5]: hier trifft der Blick der Verehrer (Matrose und Student) und des Publikums auf die Jungfer, und von hier blickt auch sie zurück. Zudem werden dort ihre Gedanken und Gefühle als Animation visualisiert.

Die Videoarbeit macht anhand formaler und inhaltlicher Aspekte nachvollziehbar, wie das Studium in Bühnen- und Filmgestaltung die spätere Praxis der Künstlerin beeinflusst hat. Neben der kollaborativen Arbeit, die ein solches Projekt erfordert, ist auch das Aufgreifen oder Zitieren von Werken anderer Künstler*innen und Theoretiker*innen, sowie die kritische, aber auch humoristische Auseinandersetzung mit feministischen, politischen und sozioökonomischen Themen kennzeichnend für Linda Bildas Gesamtwerk. Davon zeugt auch die Wahl des Theaterstückes selbst, dessen thematischer Fokus auf weiblicher Selbstbestimmung liegt und dessen Autor Federico García Lorca als politisch verfolgter spanischer Lyriker und Dramatiker 1936 von Faschisten ermordet wurde.

Ein wesentliches Element von Linda Bildas transdisziplinärer Arbeit ist, dass die Hauptfigur der Jungfer nie als reale Person auftritt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als Projektionsfläche fungiert. Ihre doppelte Repräsentation – als gefilmte Schauspielerin und als animierte Zeichnung – verweist auf einen zentralen Aspekt von Linda Bildas späterem Werk. In ihren zeichnerischen, malerischen und insbesondere skulpturalen Arbeiten bleibt die Auseinandersetzung mit der Figur der (Anti-)Heldin und ihrer (projizierten) Übertragung in den Raum bedeutend. Oft arbeitet die Künstlerin mit dem Einsatz von Licht und Schatten, um Figuren doppelt oder als Illumination erscheinen zu lassen und so deren Status als Identifikationsfigur und Projektionsfläche zu reflektieren. Ebenfalls charakteristisch ist der uneindeutige Werkstatus der Videoarbeit. Der dreiteilige Film vermittelt das Stück nicht nur dokumentarisch, sondern weist auch medien- und selbstreflexive Bezüge auf: Er beginnt mit der Aufnahme eines beleuchteten Bühnenmodells und endet mit dem Abfilmen von Bühnenelementen, darunter ein Monitor, auf dem die Kameraaufnahmen live und endlos gespiegelt wiedergegeben werden – schließlich erscheint die Künstlerin selbst im Bühnenraum.

Die Videoarbeit wurde im Zuge der Nachlasserschließung 2024 digitalisiert, gemeinsam mit analogen Fotografien des Theaterstückes. Zudem wurden dazugehörige Skizzen, Skripte und Zeichnungen erfasst. Auf Grundlage dieser Archivalien konnte die Aufnahme mit Untertiteln versehen werden.

Kuratiert von Lucie Pia

[1]: Das Stück La doncella, el marinero y el estudiante, das zwischen 1925 und 1928 entstand, gilt – gemeinsam mit anderen Texten wie El paseo de Buster Keaton und Quimera – als Beispiel für Lorcas experimentelle, kurze Theatertexte. Diese avantgardistischen Miniaturen befassen sich mit Themen wie Identität, Freiheit und der Suche nach Liebe im Rahmen einer radikal innovativen Theaterästhetik.
[2]: Informationen aus einem Gespräch mit Stephan Schaja (1.7.2025): Die technische Umsetzung war höchst kompliziert und bedurfte ein großes Team an Helfer*innen. Das ganze Stück wurde minutiös geplant: das Einspielen der unterschiedlichen Videosequenzen wurde über einen ausgebauten Motor einer alten Waschmaschine gesteuert, so dass die ganze Technik des Stückes automatisch ablief und die Schauspieler*innen ihren Einsatz exakt einhalten mussten. Zudem war es mit damaligen Filmprojektoren nicht möglich eine Projektion aus solch naher Distanz auf das Guckloch zu erzeugen, deswegen mussten die Projektionen kompliziert um die Ecke gespiegelt werden.
[3]: Aus dem Skript: Linda Bilda, Jungfer, Matrose und Student, 1989.
[4]: Ebd.
[5]: Ebd.

Abbildungen:
[1-3]: Videostills: Linda Bilda, Jungfer, Matrose und Student, 1989. Courtesy Nachlass Linda Bilda.
[4-8]: Fotografische Dokumentation des Theaterstückes: Jungfer, Matrose und Student, 1989. Foto: Unbekannt. Courtesy Nachlass Linda Bilda.
[9-10]: Skizzen: Linda Bilda, ohne Datierung. Courtesy Nachlass Linda Bilda.

In Kooperation mit basis wien – Archiv und Dokumentationszentrum für zeitgenössische Kunst.

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